Neuigkeiten

10.03.2011

Helmut Siegmons Rede zum Jahreskongress 2011

Sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete,
sehr verehrte Gäste,
liebe Kolleginnen und Kollegen,

auch ich begrüße Sie herzlich zum festlichen Teil des diesjährigen Jahreskongresses des Philologenverbandes Schleswig-Holstein. Ich freue mich besonders, dass Sie, sehr verehrter Herr Meidinger, aus Bayern hier in den schönen Norden zu uns gekommen sind, zeigt es uns doch, dass Sie mit großer Aufmerksamkeit Anteil nehmen an dem, was sich bildungspolitisch in Schleswig-Holstein tut.

Schleswig-Holstein ist wohl aus bayerischer Sicht ein kleines Land, um so mehr macht es immer wieder mit politischem Wirbel auf sich aufmerksam: historische Revolutionen, Politskandale, gescheiterte Regierungsbildung, Koalitionsbruch, Neuwahlen per Verfassungsgerichtsbeschluss, Verweigerung der neuen Rechtschreibung durch einen Bürgerentscheid - um nur einiges zu nennen.

Die Schleswig-Holsteiner neigen offenbar zur Renitenz und zum Umsturz. Dabei hält man sie doch für kühl und zurückhaltend - jedenfalls die Dithmarscher und Friesen - aber andererseits auch für kämpferisch und dickschädelig. Wahrscheinlich prägte die wechselvolle Geschichte, aber besonders auch das Meer letztere Eigenschaften. Die Nordsee, die ihre Anwohner wegen ihrer Tücke den „blanken Hans" nennen, hat mit stürmischen Fluten die Menschen immer wieder in ihrer Existenz bedroht und herausgefordert.

Heute hat Schleswig-Holstein stabile Deiche und einen ausgeklügelten Küstenschutz. Die Menschen könnten sich sicher fühlen. Tun sie aber nicht, weil im Land wie überall in der Republik erneut die Unwetter der Bildungspolitik aufziehen. Man denke nur an die Drohung der Opposition nach der Verabschiedung der Schulgesetznovelle im Januar 2011, bei einem Machtwechsel die Sache sofort wieder rückgängig machen zu wollen. Welch ein Verfall politischer Kultur, möchte man rufen.

Meine Damen und Herren, was die Entwicklung in der Bundesrepublik angeht, brauchen Sie nur einen Blick in die Parteiprogramme zu werfen, die von den Parteien angesichts der anstehenden Wahlen zum Topthema Bildung entworfen wurden.

Eine Struktur umwälzende Woge nach der anderen kracht seit Jahren auf die erodierte, sensible Bildungslandschaft unserer Republik und nagt zerstörerisch an den Grundfesten unseres tradierten, angesehenen und leistungsfähigen und bis vor Kurzem relativ einheitlichen Schulwesens. Immer wieder reißt die Brandung Schulen, ja sogar ganze Schularten ins Meer.

Immer verzweifelter werden überhastet neue erbaut, ohne dass die Konstruktionen schlüssig durchdacht, geschweige denn besser wären. Und in jedem Bundesland wird anders gebaut - Hauptsache anders! Anders als vorher, anders als im Nachbarland, anders als der politische Konkurrent. Die KMK, die einzig den Auftrag hatte, eine Konvergenz zu bewirken, hat restlos versagt.

Dazu kommt das zermürbende Werk von Ebbe und Flut: Ebbe in den Haushaltskassen mit der Folge einer permanenten und gefährlichen finanziellen Unterversorgung des Schulwesens, gepaart mit einer Flut teurer Reformen, die in immer schnellerer Folge wieder korrigiert oder zurückgenommen werden müssen, weil sie schlicht nichts taugen und der Bildung der Kinder und Jugendlichen erkennbaren Schaden zufügen.

Der Schaden hat viele Namen: Verunsicherung von Lehrern, Eltern und Schülern; Insuffizienz und Widersprüchlichkeit in den Strukturen und Regelungen mit der Folge einer gar über die Deiche tretenden Regelungswut, obwohl es doch gerade um eine Eindämmung von Regelung und Bürokratie gehen sollte - wie auf jeder Sonntagsrede unter dem Schlagwort einer zukunftsweisenden Bildungspolitik beschworen wird.

Das führte und führt zur Erosion des Vertrauens in die politische und behördliche Entscheidungskompetenz und - bei gesteigerter elterlicher Streitlust - zu einer Klageflut gegenüber schulischen Entscheidungen und Verwaltungsakten. Dass dabei die pädagogische Autorität leidet, die ja für den Unterrichtserfolg unabdingbar ist, bedeutet den größten Schaden.

Bei allen widrigen Umständen zeigt das Gymnasium eine unglaubliche Robustheit. Das Gymnasium ist der Fels in der Brandung, ein starkes Bollwerk im schleswig-holsteinischen Küstenschutz - oder sollte man an dieser Stelle Schulschutz sagen. Es bricht die von Bildungsstürmen aufgepeitschten Wellen, transformiert sie in einen harmlosen Schaumteppich (man könnte hier auch an den Schaum schultechnokratischer Modernismen denken) und bremst so deren zerstörerische Kraft. Wir sollten dem Fels in der Brandung dankbar sein und ihn nicht immer wieder infrage stellen. Ihn gar beseitigen zu wollen, wäre ein Kardinalfehler. Sein Schutz, seine Sicherung gehört in die Verfassung, weil ohne diesen Fels, ohne die Gymnasien, die überflutungsgefährdete flache schleswig-holsteinische Bildungslandschaft ähnlich wie in den linksgeführten Bundesländern irreversibel untergehen würde.

Die Sicherungsmaßnahmen lassen sich klar beschreiben:

Auf die Lehrkräfte kommt es an - die besten eines Jahrganges, ausreichend an der Zahl und fachlich exzellent ausgebildet!

  • Einem einphasigen universitären, fachlich ausgerichteten Studium muss sich eine zweijährige Referendarzeit anschließen. Eine Verkürzung, nach der einige schielen, ist kontraproduktiv.
  • Ähnlich wie für die beruflichen Schulen konzipiert muss die zweite Phase der Gymnasiallehrerausbildung in einem Landesseminar nach Fächern geordnet organisiert werden, damit der Kern von Bildung im ureigentlichen Sinne des Wortes wieder in den Mittelpunkt rücken kann. Dem Einheits- oder Stufenlehrer, wie ihn die Grünen unlängst in einer parlamentarischen Initiative vorgeschlagen haben, erteilen wir eine klare Absage. Die Stufenschule wäre das Ende des Gymnasiums, diesmal raffiniert über die Lehrerbildung in Gang gesetzt.
  • Die Lehrkräfte müssen sich auf den Unterricht konzentrieren können. Damit das endlich möglich ist, müssen den Lehrkräften Verwaltungsfachleute, IT-Fachleute und Sozialarbeiter zur Seite gestellt werden - so wie in allen anderen Ländern, um auch einmal den abgedroschenen Argumentationsverstärker des OECD-PISA-Konsortiums zu nutzen.
  • Lehrerinnen und Lehrern muss ein angemessener Arbeitsplatz an den Schulen zur Verfügung stehen, der den arbeitsmedizinischen Anforderungen entspricht.
  • Die Unterrichtsverpflichtung für die Gymnasiallehrerinnen und Gymnasiallehrer, die in verschiedenen Lehrerarbeitszeituntersuchungen am höchsten gemessen wurde, muss nach der unsäglichen Erhöhung wieder auf ein Maß reduziert werden, dass mit dem Erhalt der Gesundheit verträglich ist. Was nützt der beste Lehrer, wenn er ausgelaugt nicht oder nicht mehr kraftvoll unterrichten kann. Personalpolitik und die Pflege der Lehrergesundheit müssen essentieller Bestandteil einer nachhaltigen Bildungspolitik werden. Wir fordern für Lehrkräfte die Wiedereinführung der Altersteilzeit. Eine solche Perspektive erhält die Arbeitkraft! Dass Altersteilzeit für Lehrkräfte wegen knapper Kassen und anderer Gründe nicht geht, wissen wir. Wir wollen wissen, wie es geht!

Auf Verlässlichkeit und Perspektive kommt es an.

  • Unsere Gesellschaft braucht endlich ein klares Bekenntnis aller gesellschaftlicher Gruppen für den Erhalt und die Fortentwicklung der Gymnasien in einem differenzierten und vielfältigen Schulwesen. Was ist so schwer daran, ein solches Bekenntnis abzugeben, frage ich mich immer wieder? Übrigens ist der Erhalt auch kleiner werdender Schulen nicht nur aus pädagogischen Gründen, sondern auch angesichts explodierender Kosten für den Schulweg ein Gebot der Stunde. Man kann genau denjenigen Ölpreis nennen, bei dem es sich lohnt, die vielen kleinen Dorfschulen, die man vor Jahren geschlossen hat, wieder neu zu eröffnen.
  • Die offene und verdeckte Überwindungsrhetorik gegen das Gymnasium im Übereifer des politischen Wettstreits diskreditiert die an den Gymnasien tätigen Menschen - Lehrer und Schüler in gleichem Maße und natürlich auch die bildungsbürgerlichen Eltern, die, so wie in Hamburg nach dem Scheitern der grünen Primarschule, von der Bildungssenatorin Götsch gleich mit an den Pranger gestellt wurden.
  • Die Stundenausstattung der Gymnasien muss über 100% betragen, damit die Stundentafel auch bei krankheitsbedingtem oder systembedingtem Ausfall erfüllten werden kann. Das befördert die so nötige Verbindlichkeit und die mit ihr verbundene Nachhaltigkeit des Unterrichts.
  • Im Augenblick erleben wir eine unglaubliche Erosion der Verlässlichkeit: Entweder ist zu viel Schnee, dass die Busse nicht fahren oder die Bus- und Lokführer streiken. Fahren die Busse, weil kein Schnee ist, streiken die Lehrer. Sind die Lehrer gesund und streiken nicht, streiken die Schüler, weil die Belastung in der Oberstufe zu hoch ist. Andererseits protestieren die Eltern, weil zu wenig bzw. zu viele Stunden gegeben werden. Wenn keiner streikt und alle Busse fahren, bricht eine Grippewelle aus. Mal sind die Schüler krank und mal die Lehrer. Dass alle Gelegenheiten außerunterrichtlicher Begegnungen, Exkursionen und Beteiligungen an Schulevaluationen wahrgenommen werden, versteht sich für eine ministeriell animierte, moderne Schule von selbst. Wer genau mitgerechnet hat, weiß, dass noch drei Wochen für Prüfungen, Arbeiten und Klausuren bleiben. Frage: Wie viel Zeit bleibt für konsequentes, nachhaltiges fachliches Lernen? Wenn dann endlich alles passt, passt womöglich Hänschen nicht auf - das ist dann sehr ärgerlich.
  • Wer das Streikrecht der Lehrer will, möchte die eigenen berufspolitischen Ziele auf dem Rücken der Schülerinnen und Schüler austragen, um seine gewerkschaftliche Durchsetzungskraft zu erhöhen. Zwischen Strukturkämpfen und streikenden Lehrkräften kann man keine gute Schule mehr machen. Wir, der Philologenverband, stehen zum Beamtenstatus für Lehrkräfte und dem damit verbundenen Streikverbot.

Die jetzige Landesregierung hat etliche Ziele wie angekündigt in Angriff genommen. Das erkennen wir an. Genauso wie wir die Grundausrichtung sowie das klare und eindeutige Bekenntnis zum Gymnasium ausdrücklich gutheißen.

Die oftmals missglückte Umsetzung, über deren Ursachen viel spekuliert wird, hat uns in den Schulen allerdings an den Rand der Verzweifelung gebracht und der Opposition auf dem Silbertablett jede Menge Möglichkeiten für grobe, leider auch persönliche Angriffe geliefert. Das ist nicht nur schade, das hat auch die Autorität des Ministers zum Nachteil einer befriedenden Schulentwicklung beschädigt.

Auf Vertrauen, Anerkennung und Wertschätzung kommt es an.

  • Dies zu erreichen ist die entscheidende Verantwortung und Aufgabe der Politik, der Wissenschaft und der Medien in der öffentlichen Auseinandersetzung über Schule und Bildung. Das bedeutet: Es ist alles zu unterlassen, was eher dem eigenem Machtinteresse, dem eigenen Geltungsbedürfnis, der eigenen Profilierung oder dem eigenen Profit dient.

Meine Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen, das Gymnasium als Fels in der Brandung zu sehen, kann uns die Augen öffnen für eine viel weiter reichende Funktion als die, die die PISA-Verblender uns in den letzten Jahren mit allen Folgen, unter denen wir jetzt leiden, weismachen wollten. Das Gymnasium hat unsere Bildungskultur bedeutend mitgeprägt und heute können wir mit Stetigkeit, Beharrlichkeit, Standhaftigkeit, Verlässlichkeit einer manischen Veränderungswut erfolgreich entgegenwirken. Ebenso gewinnen Leistung und Erkenntnisstreben gegenüber einer gleichmacherischen Anforderungshemmung wieder an Wertschätzung. Das ist erfreulich!

Der Fels in der Brandung strahlt Ruhe aus. Die Deiche auch, besonders wenn Schafe darauf weiden. Aber - wir müssen auf beide aufpassen. Wir müssen Unterspülungen, falsche Behauptungen, Vorurteile und von Wühlmäusen gegrabene Löcher aufspüren und diese mutig und beherzt mit sachlicher Klarstellung und mit Fakten stopfen. Denn das Meer und die Mäuse geben keine Ruhe! Übrigens - der bildungspolitische Gegner auch nicht - wie wir ja in den vorhin erwähnen Programmen lesen können. (Ich empfehle übrigens diese hervorragende Broschüre des bayerischen Philologenverbandes über „die 11 Irrtümer zum Grundschulübertritt - Vorurteile und Fakten" zur Lektüre. Es lohnt sich dann auch die jüngst von Josef Kraus für BILD aufgeschriebenen zwanzig Wahrheiten über Schule in Deutschland zu lesen.)

Lieber Herr Meidinger, Sie haben als Vorsitzender des Deutschen Philologenverbandes in den letzten Jahren intensiv mit Wort und Tat für die Gymnasien in Deutschland gekämpft; Sie sind keinem Konflikt im Bereich der Bildungspolitik ausgewichen und haben uns und insbesondere mir als Späteinsteiger mit Ihrem beeindruckenden Sachverstand immer wieder Argumentationshilfen im Einsatz für unsere Gymnasien gegeben. Ihr Engagement verdient unser aller Dank und Anerkennung.

Wir freuen uns, dass Sie hier sind und wir freuen uns auf ihren Vortrag - und gestatten Sie mir diesen Vergleich - wissend, dass Bayern ja nicht Meer umschlungen ist wie Schleswig-Holstein: Sie sind für mich auch ein Fels in der Brandung.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

Helmut Siegmon